Die Batterie als Mietobjekt – warum Tolling-Verträge plötzlich gefragt sind

April 15, 2026
Dirk Voges

Partner

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Die Energiewelt hat ein neues Lieblingsmodell entdeckt – und es wirkt auf den ersten Blick erstaunlich unspektakulär. Kein Stromverkauf, keine Preiswetten, kein Marktspiel. Stattdessen: ein fester Betrag, verlässlich überwiesen. Und eine Batterie, die jemand anderes steuert.

So funktionieren sogenannte Tolling-Verträge im Batteriesektor. Was technisch klingt, ist wirtschaftlich schnell erklärt: Der Betreiber einer Batterie überlässt einem Energiehändler die vollständige Nutzung der Anlage und erhält im Gegenzug eine feste Vergütung. Der Händler entscheidet, wann die Batterie lädt, wann sie entlädt und wie er damit am Strommarkt Geld verdient. Das Risiko trägt er. Die Einnahmen – zumindest über die vereinbarte Vergütung hinaus – ebenfalls.

Der Betreiber wiederum bekommt Planungssicherheit. Kein Auf und Ab der Strompreise, keine Spekulation auf volatile Märkte, sondern kalkulierbare Einnahmen. Eine Art Miete für Flexibilität.

Sicherheit statt Spekulation

Der Reiz dieses Modells liegt in seiner Schlichtheit und in seiner Konsequenz. Während viele Batteriespeicher bislang im sogenannten „Merchant“-Modell betrieben werden, also auf eigene Rechnung am Markt handeln, kehrt das Tolling-Modell diese Logik um: Risiko raus, Stabilität rein.

Gerade in einem Umfeld, in dem Batterieerlöse stark schwanken, gewinnt diese Struktur an Attraktivität. Noch 2023 waren hohe Arbitragegewinne möglich, 2024 folgte in vielen Märkten der Einbruch. Wer finanziert, schaut in solchen Phasen genauer hin und bevorzugt verlässliche Cashflows gegenüber optimistischen Prognosen.

Tolling-Verträge liefern genau das: stabile Einnahmen, die sich gegenüber Banken und Investoren darstellen lassen. Die Batterie wird damit weniger zum Handelsinstrument und mehr zur Infrastruktur.

Regulatorische Einordnung: Zwischen Markt und System

Regulatorisch bewegen sich Tolling-Modelle in einem interessanten Zwischenraum. Sie sind kein klassischer Stromliefervertrag und auch kein PPA im engeren Sinne, sondern eine Struktur zur Nutzung von Flexibilität.

Das hat Konsequenzen:

Die Batterie bleibt grundsätzlich eine Marktressource, die an verschiedenen Märkten teilnehmen kann (Day-Ahead, Intraday, Regelenergie).

Die operative Verantwortung wird jedoch wirtschaftlich auf den Optimierer verlagert, ohne dass sich die regulatorische Rolle des Anlagenbetreibers vollständig verschiebt.

Themen wie Redispatch, Bilanzkreiszuordnung oder Netzentgelte bleiben relevant, werden aber faktisch durch den handelnden Dritten gesteuert.

In Deutschland kommt hinzu: Batteriespeicher befinden sich weiterhin in einem regulatorischen Spannungsfeld zwischen Erzeugung, Verbrauch und Netzdienstleistung. Tolling-Verträge ändern daran nichts – sie strukturieren lediglich die wirtschaftliche Nutzung dieser Flexibilität.

vPPA vs. Tolling: Zwei Antworten auf dieselbe Frage

Auf den ersten Blick haben Tolling Agreements und virtuelle Power Purchase Agreements (vPPAs) wenig gemeinsam. Der eine Vertrag betrifft Batterien, der andere Strom aus Wind- oder Solaranlagen. Der eine dreht sich um Flexibilität, der andere um Energie.

Und doch verfolgen beide Modelle ein ähnliches Ziel: Planbarkeit in einem volatilen Markt.

Der Unterschied liegt in der Mechanik:

Beim vPPA wird ein Strompreis finanziell abgesichert. Der Strom selbst wird am Markt verkauft, die Differenz zwischen Marktpreis und Vertragspreis wird bilateral ausgeglichen.

Beim Tolling-Vertrag gibt es keinen solchen Preismechanismus. Stattdessen wird die gesamte Anlage „vermietet“, inklusive aller Chancen und Risiken des Marktes.

Man könnte sagen:

Das vPPA sichert den Preis.
Tolling eliminiert das Preisrisiko vollständig.

Dafür ist der Preis klar: Während vPPA-Strukturen oft noch ein Upside-Potenzial lassen, verzichtet der Betreiber im Tolling-Modell bewusst darauf. Stabilität wird gegen Opportunität getauscht.

Ein Modell mit Zukunft – aber ohne Standard

Noch sind Tolling-Verträge im europäischen Batteriesektor die Ausnahme, nicht die Regel. Zu individuell, zu komplex, zu wenig standardisiert. Jede Anlage ist anders, jeder Markt funktioniert anders, jede Risikoallokation wird neu verhandelt.

Doch genau das könnte sich ändern.

Mit wachsender installierter Speicherkapazität und zunehmendem Druck auf die Finanzierbarkeit dürfte der Bedarf an standardisierten, bankfähigen Vertragsmodellen steigen. Tolling könnte dabei eine Schlüsselrolle spielen – als Brücke zwischen technischer Flexibilität und finanzieller Stabilität.

Die Batterie wird dann nicht mehr nur als Antwort auf die Volatilität der Energiewende gesehen, sondern als Anlageklasse, die sich – zumindest vertraglich – erstaunlich ruhig verhält.

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